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Autor Thema: Definition von Dystopien  (Gelesen 17686 mal)

John Pirou

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Definition von Dystopien
« am: November 09, 2014, 15:05:36 »
Hallo zusammen! :)

Des öfteren beschäftige ich mich mit Dystopien und dystopischen Erzählungen und so stelle ich mir seit geraumer Zeit die Frage: Ab wann gilt Science-Fiction als Dystopie?

Beispiele:
  • 1984 ist eine Dystopie, Schafe blicken auf ist Science-Fiction
  • Die Tribute von Panem ist eine dystopische Triologie, Elysium ist ein Science-Fiction-Actionthriller

Ich verstehs nicht...  :'(

24

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Definition von Dystopien
« Antwort #1 am: November 10, 2014, 00:00:04 »
Na ja, ich finde die Definition des Dudens schon sehr prägnant:
Zitat
(Literaturwissenschaft) fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung o. Ä. mit negativem Ausgang
Also im Grunde genommen genau das Gegenteil der utopischen Literatur.
Mit besten Grüßen
24

John Pirou

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Definition von Dystopien
« Antwort #2 am: November 10, 2014, 19:23:24 »
Also im Grunde genommen genau das Gegenteil der utopischen Literatur.
Ja, das ist mir auch klar :D

Zitat
(Literaturwissenschaft) fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung o. Ä. mit negativem Ausgang
Okay, demnach ist alles, was zukünftig spielt und nicht nur für den Protagonisten, sondern auch für die gesamte Gesellschaft negativ ausgeht, eine Dystopie.

Hmm...

Damit ist aber noch nicht meine Frage geklärt, was mit Elysium ist: Der Film spielt nämlich in einer dystopischen Zukunft, geht aber letztenendes für die Gesellschaft (auf den ersten Blick) gut aus. Und dennoch würde ich hier sagen, das der Film im Gesamten eine Dystopie ist.

Was aber leicht gegen die Definition des Dudens spricht...

Jonas

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Definition von Dystopien
« Antwort #3 am: November 10, 2014, 21:15:51 »
Ahoj John..., ich hole einmal ein wenig aus, um die Begriffe zu sortieren. Vielleicht schaffe ich es in den nächsten Tagen einmal eine klare Antwort auf Wortwuchs zu formulieren. Aber die Woche ist voll mit anderen Artikelplänen und kleinen Arbeiten, weshalb ich das nicht versprechen kann - dauert also noch ein wenig.

Also..., die Definition des Dudens ist die gängige, sie beantwortet die Frage allerdings nur bedingt. Denn ja..., grundsätzlich gilt, dass eine Dystopie schlicht und ergreifend das Gegenstück der Utopie ist. Eine Utopie gibt es eigentlich selten in der Literatur, denn der Begriff meint tatsächlich, dass wir von einer Gesellschaft sprechen, die gedanklich konstruiert ist, die in einer imaginierten, entfernen Welt "lebt" und den Idealzustand des Menschen zeigt - in der Praxis ist dieser Punkt allerdings gar nicht zu erreichen.

Die Dystopie ist somit "ein" Gegenstück, dass negativ konnotiert ist. Der Mensch, die Gesellschaft, der zukünftige Staat ist also nicht "ideal", er ist brüchig, er zeigt keinen Idealzustand. Demzufolge ist eigentlich alles, was ein eine abschreckende, teils negative, Zukunftsvision beinhaltet, als Dystopie zu werten. Das ist eben auch das erklärte Ziel der Dystopie, sie zeigt letzten Endes auf, was "geschehen kann" und kann somit Missstände im Jetzt verdeutlichen. Dieser Aspekt ist allerdings entscheidend - eine "schlechte Welt" ist nicht unbedingt eine Dystopie, sondern mitunter einfach "eine schlechte Welt" - entscheidend ist - wenn ich das richtig beurteile - die Kritik an bestimtmen sozialen Aspekten, die eben dafür sorgen, dass es keine Utopie geben kann - zumeist wird dies überspitzt dargestellt.

Außerdem ist Science Fiction zumeist ein Gegenentwurf zur Utopie. Die Utopie orientiert sich am beschriebenen Idealbild von Gesellschaft, Mensch und eventuell einer Staatsform. Die SF ist vor allem am naturwissenschaftlichen, technischen Fortschritt interessiert und da liegt auch der Kern der Betrachtung. Die gezeigten Zukunftsbilder der SF basieren auf dem möglichen technischen Fortschritt, wobei verschiedene Szenarien dargestellt werden können, was als Planspiel der SF bezeichnet werden kann.

Die SF macht all ihre "Möglichkeiten" plausibel, dem Leser wird also gezeigt, warum dieser oder jener technische Fortschritt möglich ist. Das muss bei einer Dystopie nicht der Fall sein, sie kann Dir eine Welt vorsetzen, die Du annehmen musst, sie ist allerdings technisch nicht zu realisieren oder es wird nicht erklärt, warum es hierbei technisch zu realisieren ist.

Fallen diese Elemente zusammen: wir haben es mit einer technischen Vision (SF) zu tun, die ein negatives Bild der Gesellschaft zeichnet, fallen SF und Dystopie zusammen. Spielt der technische Fortschritt keine Rolle, wir haben also einen (meist faschistoiden) bösen, kontrollierenden Staat vor uns, der einfach nur ein Gegenbild zeichnet, kann das Ganze als Dystopie bezeichnet werden, steht allenfalls der menschliche Fortschritt im Vordergrund und das negative Planspiel der Gesellschaft zeigt keine Gegendarstellung des Idealbildes, ist es einfach nur SF.

Sodele...,

1984: verweist ja allein durch das namensgebende Zahlenspiel (1948/84) auf den Visions-Charakter. Es geht weniger um den technischen Fortschritt, also um das Wie, Warum und Wissenschaftliche, sondern einfach um ein Zukunftssetting, das ein totalitätes System nachzeichnet, das aufzeigt, in welche Richtung die Reise der 50er gehen könnte - Dystopie. Für die Tribute von Panem gilt das Gleiche; weniger steht der technische Fortschritt im Vordergrund und dieser wird auch nicht nachvollziehbar gezeigt - die technische Entwicklung ist - meiner Meinung nach - nicht der Kern der Sache, sondern allenfalls der Gegenentwurf zur Gesellschaft.

Schafe blicken auf kenne ich leider nicht. Konnte also nur einmal Wikipedia überfliegen und dort sehe ich nur, dass es um denkbare, wissenschaftliche Konzepte geht, die bloß zur Zeit der Entstehung noch nicht umgesetzt waren - es geht also primär um einen technischen, denkbaren Fortschritt: Science Fiction.

Elysium: ist keine Science Fiction..., jedenfalls nicht nur, sondern gleichermaßen eine Art der Dystopie. Es fallen also beide Elemente zusammen. Auch das verrät eigentlich der Wiki-Artikel, denn dort heißt es im ersten Satz: Elysium ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Film mit gesellschaftskritischer Intention [...]. Ich würde hierbei also eine Verbindung beider Elemente sehen.

Kurzform:

  • Dystopie: Der Gegenentwurf einer idealen Gesellschaft steht im Vordergrund, wobei außerdem Kritik an einem System geübt wird, wobei Fragen der sozialen Gerechtigkeit betrachtet werden.
  • Science Fiction: Der technologische Fortschritt steht im Vordergrund. Soziale Aspekte sind kein Muss.
  • Fazit: Beide Elemente schließen sicht nicht aus und können durchaus nebeneinander existieren - vielleicht irre ich mich, aber wäre Schöne Neue Welt nicht ein Beispiel hierfür?

Cheers.

...anderer Meinung?
« Letzte Änderung: November 10, 2014, 21:20:33 von Jonas »
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John Pirou

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Definition von Dystopien
« Antwort #4 am: November 13, 2014, 19:53:55 »
Danke, damit kann ich leben :)

Jonas

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Definition von Dystopien
« Antwort #5 am: August 11, 2015, 16:02:17 »
Ahoj!

Habe das Ganze vorhin nochmals ein wenig genauer definiert. Hier der Beitrag zur Dystopie auf Wortwuchs.

Cheers.

John Pirou

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Definition von Dystopien
« Antwort #6 am: September 01, 2015, 16:46:54 »
Hallo Jonas,

ich muss tatsächlich sagen, dass mir der Artikel nicht so gefällt. Die genannten Dimensionen einer Dystopie mögen für einige bekanntere Werke zutreffen, doch ist hier ein breites künstlerisches Spektrum anzutreffen, was durch diesen Artikel etwas eingedämmt dargestellt wird.

Natürlich setzen sich Dystopien immer mit totalitären Systemen auseinander, aber es muss nicht immer der Staat sein; oftmals kann man die dort agierenden Apparate auch kaum noch so nennen. Auch dass Technologischer Fortschritt so wichtig wäre, sehe ich nicht. Er wird aufgenommen, ja - aber die Wichtigkeit dessen ist nicht in jeder Dystopie gegeben.

Vielmehr greifen - nach meiner Meinung - Dystopien aktuelle gesellschaftliche Trends auf, führen die im Gedankenspiel auf die Spitze und schmücken diese Zukunft aus. Utopien/Dystopien haben doch den Sinn, einen großen Blick nach vorne zu werfen; Dystopien versuchen dann halt aufzuzeigen, was passiert, wenn man dies und jenes so und so weiterführt und das nicht reglementiert. Diese Trends müssen bei weitem nicht immer technologischer Natur sein.

"Nein - Die Welt der Angeklagten" von Walter Jens beispielsweise ist eine wirklich gute Dystopie von einem totalitären Rechtssystem, was schließlich in einen abstrusen Automatismus übergeht. Von Technologie ist da nicht die Rede...

Deswegen finde ich es etwas schade, dass dieser Artikel die literarischen Mauern etwas zu eng für diese Gattung setzt.