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Autor Thema: Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede  (Gelesen 7285 mal)

Brötchenkönig

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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« am: Februar 15, 2015, 23:59:50 »
Guten Abend,

ich bin Nachhilfelehrerin. Gerade bin ich mit meiner Nachhilfeschülerin die Regeln zum Zitieren durchgegangen. Das hat auch wunderbar funktioniert, richtig schwierig wurde es aber, als wir dann das eben Gelernte benutzen wollten. Die letzte Klausur war eine Materialgestützte Erörterung. Es ging um sogenannte "Killerspiele" und um ein mögliches Verbot. Die Schüler sollten sich auf beigelegtes Material beziehen.
Meine Nachhilfeschülerin schrieb:

"Dr. Thilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California behauptet, in den ersten zwanzig Minuten wäre die Welt feindseliger asoziiert und prosoziales Verhalten sei abgebaut." (vgl. M 1.2 Z. 20ff)

Die Lehrerin hat die Konjunktive korrigiert (wäre -> werde, sei -> werde) und bei "assoziiert" ein s eingefügt.

Soweit so gut. Am Rand stand allerdings "Zitiertechnik! Wörtliche Übernahme aus dem Text!"

Prinzipiell bin ich ja ganz froh, dass meine Schülerin versucht, die Indirekte Rede zu benutzen. Allerdings stellt sich mir die Frage: Wird Indirekte Rede überhaupt zum Zweck des Zitierens benutzt?

Ich denke, die Lehrerin wollte entweder eine Paraphrase hören oder ein Zitat. Aber: Sollte man sich für die indirekte Rede entscheiden, dann ist doch die Kennzeichnung identisch mit der einer Paraphrase, oder? Also  mit (vgl. ...). Demnach wäre es gar nicht so falsch, was meine Mitschülerin da geschrieben hat, oder?

Ich denke natürlich nicht, dass die gesamte Erörterung aus Indirekter Rede bestehen soll. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wenn man auf einen Text Bezug nehmen möchte, dass es dann schön wäre wenn man etwas Abwechslung hat: Direkte Zitate, Paraphrasen und eben auch Indirekte Rede.

Ich habe aber selbst lange keinen Aufsatz mehr geschrieben und ich bin auch nicht Deutschlehrer. Vielleicht ist die Indirekte Rede ja doch etwas, das man besser nicht im Aufsatz benutzt? Ich würde sehr gerne ein paar andere Meinungen dazu hören.

24

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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« Antwort #1 am: Februar 16, 2015, 00:16:46 »
Hey,
soweit ich das beurteilen kann, meinte die Deutschlehrerin, dass die Schülerin den Text falsch zitiert hat. Da ich den Text nicht vor mir liegen habe, stelle ich mir folgendes Szenario vor: Die Schülerin wollte einen wichtigen Aspekt einer Autorität in ihrer Erörterung erwähnen. Dabei wollte sie den Satz - aus welchen Gründen auch immer - nicht direkt zitieren. So wollte sie den Satz des Medienforschers umschreiben, hat aber trotzdem Phrasen oder einzelne Wörter direkt übernommen. Die Lehrerin ist darüber nicht erfreut, denn hierbei kann man nicht mehr vom indirekten Zitieren sprechen.

Ich denke, was du unter Paraphrase verstehst, würde ich als indirektes Zitat bezeichnen. Eine Paraphrase findet man eher in der Stilkunde als rhetorisches Mittel auf.
Mit besten Grüßen
24

Brötchenkönig

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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« Antwort #2 am: Februar 16, 2015, 01:07:18 »
Vielen Dank für deine Antwort!


Text ist hier zu finden: http://www.stern.de/digital/spiele/pro-und-contra-muessen-killerspiele-verboten-werden-1500713.html

Also ich verstehe die Begriffe so:

Zitat: "In den ersten zwanzig Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels wird die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten abgebaut" (Z. 22), erklärt Dr. Tilo Hartmann von der University of Southern California.

Oh je, ich habe jetzt schon Angst, dass das völlig falsch ist. :(

Und angenommen, man wollte nur einzelne Worte zitieren möchte, sähe das dann so aus?

Dr. Thilo Hartman erklärt, dass man durch das Spielen "die Welt als feindseliger assoziiert" (Z. 21) und behauptet zudem, dass "prosoziales Verhalten abgebaut" (Z.22) werde.*


Paraphrase / Indirektes Zitat:
Auch die Wissenschaft liefert Beweise dafür, dass Videospiele aggressiv machen. So fand man an einer amerikanischen Universität heraus, dass das Spielen soziale Fähigkeiten mindert (vgl. Z.21f).

Indirekte Rede / Indirektes Zitat:

In den ersten zwanzig Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels werde die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten werde abgebaut (vgl. Z. 22), so Dr. Tilo Hartmann von der University of Southern California.

Jetzt wo ich mir das so anschaue, könnte ich mir vorstellen, was das Problem mit der Indirekten Rede ist.
Bei wortwörtlicher Übernahme muss man Zitieren, das heißt man darf nichts verändern.
Wenn man paraphrasiert, dann muss man eigene Worte verwenden.

Nimmt man die Indirekte Rede, dann ist es quasi wortwörtlich, nur die konjugierten Verben werden geändert. Wenn man eine Aussage wissenschaftlich wiedergeben möchte, dann hat man die oben genannten Methoden (Eigene Worte ODER Zitat). Die Indirekte Rede wird aber den "Regeln" für beide nicht gerecht.
(Das hattest du gemeint, oder?)

Was heißt: Man kennzeichnet seine Indirekte Rede mit (vgl.), aber man verwendet quasi die selben Worte wie der Autor. Das ist dann falsch, weil man bei den selben Worten eigentlich ein Zitat machen müsste.
Wenn man aber ein Zitat macht, dann braucht man die Indirekte Rede nicht. Also besser gar nicht Indirekte Rede verwenden?

* Wobei, wenn ich mir mein eigenes Geschriebenes angucke:
Dr. Thilo Hartman erklärt, dass man durch das Spielen "die Welt als feindseliger assoziiert" (Z. 21) und behauptet zudem, dass "prosoziales Verhalten abgebaut" (Z.22) werde.

Das wären ja Zitate eingebaut in Indirekte Rede... Ob das okay ist?










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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« Antwort #3 am: Februar 16, 2015, 17:36:49 »
Hey,
ich verstehe schon die aufgegriffene Problematik, allerdings ist dein Text recht durcheinander. Deswegen antworte ich mal ganz nach meinem Belieben.
Also unter dem indirekten Zitieren verstehe ich eine eigene Formulierung in eigenen Worten. Benutzt man die Wörter im Text, wie in deinem ersten Zitierbeispiel, so gibt man die Zeile natürlich direkt an à la "(Z. 22)", da es ein eingebundenes direktes Zitat in deinem Satz ist. Auch beim indirekten Zitat ist natürlich eine Zeilenangabe notwendig, ganz nach "(vgl. Z. 22)".

Zitat
Zitat: "In den ersten zwanzig Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels wird die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten abgebaut" (Z. 22), erklärt Dr. Tilo Hartmann von der University of Southern California.
--
"Dr. Thilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California behauptet, in den ersten zwanzig Minuten wäre die Welt feindseliger asoziiert und prosoziales Verhalten sei abgebaut." (vgl. M 1.2 Z. 20ff)
Hier müsste man Folgendes ändern:
Dr. Thilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California behauptet, "In den ersten zwanzig Minuten [wäre] die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten [sei abgebaut]." (vgl. M 1.2 Z. 20ff)

Es ist schwierig, das Ganze zu durchblicken, wenn man nichts vor sich liegen hat.

Brötchenkönig

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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« Antwort #4 am: Februar 16, 2015, 20:02:27 »
Okay, ich versuche es so ordentlich zu schreiben, wie es geht.

Also der Text ist hier unter "Pro", zweiter Abschnitt: http://www.stern.de/digital/spiele/pro-und-contra-muessen-killerspiele-verboten-werden-1500713.html

Der Originaltext ist:

 "In den ersten 20 Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels wird die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten abgebaut", sagte Dr. Tilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California

Meine Nachhilfeschülerin schrieb:

"Dr. Thilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California behauptet, in den ersten zwanzig Minuten wäre die Welt feindseliger asoziiert und prosoziales Verhalten sei abgebaut." (vgl. M 1.2 Z. 20ff)

Meine Vorschläge, wie man es anders machen könnte:

 "In den ersten zwanzig Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels wird die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten abgebaut" (Z. 21f), erklärt Dr. Tilo Hartmann von der University of Southern California.

-> Zitat, ganzer Satz


oder

Dr. Thilo Hartman erklärt, dass man durch das Spielen "die Welt als feindseliger assoziiert" (Z. 21) und behauptet zudem, dass "prosoziales Verhalten abgebaut" (Z.22) werde.

-> Zitat, einzelne Worte


oder

Auch die Wissenschaft liefert Beweise dafür, dass Videospiele aggressiv machen. So fand man an einer amerikanischen Universität heraus, dass das Spielen soziale Fähigkeiten mindert (vgl. Z.21f).

-> Mit eigenen Worten ausgedrückt, Textbezug mit "vgl." hergestellt


oder

In den ersten zwanzig Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels werde die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten werde abgebaut (vgl. Z. 21f), so Dr. Tilo Hartmann von der University of Southern California.

-> Indirekte Rede, quasi keine eigenen Worte, nur Verben geändert. Textbezug mit "vgl."
-> Könnte problematisch sein, da alles was man genau übernimmt (also nicht mit eigenen Worten umschreibt) als Zitat gekennzeichnet werden soll.
-> Ich denke mir also, dass die indirekte Rede also vielleicht nicht geeignet ist, um wissenschaftlich auf einen Text zu verweisen.

Wenn überhaupt, dann vielleicht so?

In den ersten zwanzig Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels [werde] die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten [werde] abgebaut (Z. 21f), so Dr. Tilo Hartmann von der University of Southern California.

-> Man schreibt das ganze als Zitat (also in Anführungszeichen und ohne "vgl.") und gibt nur in eckigen Klammern an, dass man die Verben grammatikalisch angepasst hat.


Fragen, die sich mir stellen:

- Kann man die indirekte Rede in einer Erörterung benutzen?
- Übertreibe ich es vielleicht mit den ganzen Zeilenangaben? Soll man überhaupt in einer Erörterung so genau zitieren? Reicht es vielleicht, wörtliche Übernahmen (einzelne Worte) in Anführungszeichen zu setzen und gar keine Zeilenangaben zu machen?
- Ist die Art und Weise richtig, wie ich zitiert habe?











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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« Antwort #5 am: Februar 17, 2015, 00:15:54 »
Fragen, die sich mir stellen:

- Kann man die indirekte Rede in einer Erörterung benutzen?
- Übertreibe ich es vielleicht mit den ganzen Zeilenangaben? Soll man überhaupt in einer Erörterung so genau zitieren? Reicht es vielleicht, wörtliche Übernahmen (einzelne Worte) in Anführungszeichen zu setzen und gar keine Zeilenangaben zu machen?
- Ist die Art und Weise richtig, wie ich zitiert habe?

Um die letzten Stichpunkte schon mal vorwegzunehmen:
- Nein, du übertreibst nicht mit der Zeilenangabe. Diese ist nach jeder Form eines Zitats notwendig und formal.
- Ja, du hast alles richtig zitiert.
- Nun zur indirekten Rede: Ich persönlich denke, dass die indirekte Rede bei wissenschaftlichen Arbeiten problematisch ist. Zum einen benutzt man den Konjunktiv, den man nur benutzen sollte, wenn man objektiv oder kontra eines Standpunkts arbeitet. Gibt man Thesen wieder, die man selbst vertritt, sollte dies lieber in direkter Rede geschehen, sonst wirkt man weniger authentisch. Zum anderen denke ich auch, dass bei indirekter Rede generell keine Anführungszeichen gesetzt werden sollten, da dies schlichtweg ein direktes Zitat wäre. Ich würde die indirekte Rede nur dann benutzen, wenn ich mal etwas nebenbei erwähnen möchte, dies aber nicht ins Gewicht fällt oder leicht widerlegbar ist. Aber eine genau Antwort habe auch ich nicht.

Brötchenkönig

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Zitat, Paraphrase, Indirekte Rede
« Antwort #6 am: Februar 17, 2015, 20:43:47 »
Noch mal danke für die Antwort!

Ich denke, du hast recht, was die indirekte Rede betrifft. Zumindest was wissenschaftliche Texte betrifft. Indirekte Rede wird ja durchaus gerne in den Nachrichten verwendet (Angela Merkel sagte, sie habe... etc.), aber das ist dann ja auch eine andere Textart.

Ich muss mir  überlegen, was ich meiner Nachhilfeschülerin beibringe, ich möchte ja nicht, dass es nachher falsch ist. Ich denke, ich werde ihr ans Herz legen, Zitate zu benutzen ODER zu umschreiben (jedenfalls wenn es um Erörterungen geht).
Ich werde mir aber auch noch mal wissenschaftliche Texte sowie gute Erörterungen anschauen, um herauszufinden, wie sich dort die jeweiligen Autoren auf Texte beziehen.