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Autor Thema: Metrum  (Gelesen 2661 mal)

Lena

  • Gast
Metrum
« am: Dezember 16, 2014, 17:24:41 »
Liebes Forum,

ich muss in meinem Studium eine Gedichtanalyse machen und das gedicht von Czeslaw Milosz "In Warschau" interpretieren. Große Sorge bereitet mir hier das Metrum. Welches Versmaß liegt bei diesem Gedicht vor? Könnt ihr mir da weiterhelfen?

In Warschau

Was suchst du auf den Trümmern der Kathedrale
Des heilgen Jan
An diesem warmen Tag im Frühling, Poet?

Was denkt du hier, wo der Wind,
Von der Weichsel wehend,
Den roten Ruinenstaub fortbläst?

Du hattest geschworen, nie mehr
Klagelieder zu singen.
Du hattest geschworen, nie mehr
An die großen Wunden deines Volkes zu rühren,
Sie nicht zu einer Reliquie zu machen,
Zu einem verfluchten Heiligtum, das die Nachkommen
Jahrhundertelang noch verfolgt.

Aber das Weinen Antigones,
Die ihren Bruder sucht,
Ist wahrlich über da Maß
Des Erträglichen.das Herz
Ist ein Stein, in dem verschlossen steckt
Die dunkle Liebe zum land des äußersten Unglücks
Wie ein Insekt.

So lieben wollte ich nicht,
Es war nicht meine Absicht.
So mitleiden wollte ich nicht,
Es war nicht meine Absicht.

Meine Feder ist leichter
Als die eines kolobris. Diese Bürde
Übersteigt meine Kraft.
Wie soll ich leben in diesem land,
Wo der Fuß über die Knochen
Der nicht begrabenen Verwandte stolpert?

Ich höre Stimmen, ich sehe Lächeln. ich kann nichts
Schreiben, weil gleich fünf Hände
Nach meiner Feder greifen
Und ihre Geschichte zu schreiben befehlen,
die ihres Lebens und die ihres Todes.
Bin ich denn dafür geschaffen,
Klagelieder zu singen?
Ich möchte Feste beschreiben
Lustige Haine, in die mich
Shakespeare geführt hat. Laßt doch
Den Dichtern den Augenblick der Freude,
Sonst geht eure Welt zugrunde.

Es ist ein Wahn, ohne ein Lächeln zu leben,
Zwei Worte zu wiederholen,
Die euch, ihr Toten, gelten,
Euch, die ihr teilhaben solltet
Am Frohsinn der Taten, Gedanken,
Des Körpers, des Lieds und der Feste.
Zwei gerettete Worte:
Gerechtigkeit und Wahrheit.

Krakau, 1945