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Autor Thema: Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination  (Gelesen 10093 mal)

Chrissi

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Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination
« am: Dezember 03, 2013, 21:01:43 »
Hallo liebes Forum. ich weiß nun gar nicht, ob ich hier richtig bin, aber ich suche händeringend nach Hilfe. Wir hatten in den letzten Vorlesungen Jakobsons Poetik, was mit Sicherheit ein super Büchlein ist, nur habe ich irgendwie nichts, aber auch gar nichts davon verstanden. Und dass der Dozent die wesentlichen Passagen einfach nur überflogen hat, macht es irgendwie auch nicht besser.

Wäre also jemand so freundlich und könnte mir den Satz

Zitat
"Die poetische Funktion überträgt das Prinzip der Äquivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination."

von Jakobson einmal erklären, idealerweise richtig einfach, so dass ich damit etwas anfangen kann und nciht weiter in die metaphorische Röhre schauen muss.

Viele Grüße und vielen Danke, falls sich jemand dieser Aufgabe annehmen könnte.

Herr Pilz

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Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination
« Antwort #1 am: Dezember 04, 2013, 15:10:05 »
Um ehrlich zu sein, verstehe ich nur Bahnhof. Aber das liegt mit Sicherheit daran, dass ich niemals ein Studium der Germanistik abgeschlossen habe. Deshalb habe ich soeben Google befragt und bin nun genauso schlau wie vorher. Hilft dir das?

Zitat
Dieser Leitsatz wurde durchaus kontrovers diskutiert. Man vergegenwärtigte sich, was man unter Äquivalenz bzw. Selektion bzw. Paradigma einerseits und Sequenz bzw. Kombination bzw. Syntagma andererseits zu verstehen hat.

Auf den Einwand hin, daß dieser Vorgang bei jedem normalen Sprachgebrauch stattfinde, wurde das Prinzip der Projektion diskutiert; es wurde festgestellt, daß es hier nicht um das durch das alltägliche Funktionieren der Sprache gewährleistete Zusammenwirken zwischen Selektion und Kombination geht, sondern gerade um Selektionsvorgänge, die über dieses Zusammenwirken hinausgehen (vermeiden wir die Hierarchie von primär und sekundär und sagen wir: parallel zueinander laufen) und gewissermaßen als 'Fremdsprache' zu erlernen seien.

In diesem Zusammenhang wurde die Tatsache erwähnt, daß gerade diese 'Fremdsprache' das gewöhnliche Funktionieren der 'eigenen' Sprache verfremdet und offenbart.

Quelle: uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/hmeyer/witz/stzwtz1.htm

Jonas

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Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination
« Antwort #2 am: Dezember 09, 2013, 13:00:23 »
Ahoj Chrissi, schöne Frage, die du da stellst und wahrscheinlich eine der verwirrendsten, die den meisten Germanisten, Linguisten und Literaturwissenschaftlichern zu Beginn des Studiums begegnet.

@Herr Pilz

Leider macht das, was Du zitierst, recht wenig Sinn in diesem Kontext, da es den Satz in keinster Weise erläutert. Es scheint jedoch komisch, dass es dazu im Netz kaum sinnvolle Beiträge gibt..., ändern wir das doch einfach.

@Chrissi

Jakobson beschreibt mit diesem Satz aus der Poetik grundsätzlich die Funktionsweise von lyrischen Texten. Dabei geht er davon aus, dass wir im Alltag so sprechen, wie uns der Schnabel gewachsen ist und Wörter einfach so auswählen (selektieren/Selektion), wie sie im entsprechenden Kontext Sinn machen und unsere Aussage unterstützen.

Wenn ich beispielsweise sagen möchte, dass mein Dackel ein wenig verpennt aus der Wäsche schaut, würde ich zu Dir sagen:"Mein Hund ist schläfrig!" und Dir wäre klar, was ich meine. Würde ich nun, dem Ansatz Jakobsons folgend, eine lyrische Verszeile daraus machen, wäre wohl eher die Formulierung "Der Rüde / ist müde!" angemessen.

Das ist zwar ein wenig gestutzt, zeigt aber grundsätzlich, was Jakobson meint. Der Lyriker wählt die Worte nicht aufgrund des grundsätzlichen Redebedarfs aus, sondern achtet bei der Auswahl auf Merkmale der Äquivalenz (Ähnlichkeit), um daraus ein "Gedicht" zu schaffen.

In meinem Beispiel ist es der einfache Endreim zwischen den Wörtern Rüde / müde, was in der tatsächlichen Lyrik natürlich viel, viel komplexer ist, da hierbei auch Kriterien wie Kadenz, Silbenzahl, Mertrum etc. greifen, um ein Gedicht zu verfassen. Dennoch zeigt es gut, was das Ganze soll.

Wir kombinieren die Worte (Achse der Kombination), die wir aus dem Fundus aller möglichen Synonyme selektieren  (Achse der Selektion) also nicht einfach, sondern schauen nach Äquivalenzen. Das bedeutet, dass die Achse der Kombination durch "das Prinzip der Äquivalenz" angereichert wird.



Cheers.
« Letzte Änderung: Dezember 09, 2013, 13:17:05 von Jonas »
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Chrissi

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Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination
« Antwort #3 am: Dezember 09, 2013, 21:38:43 »
Vielen, vielen, vielen Dank, Jonas! Ich habe nachher (oder morgen) noch eine Nachfrage dazu, aber erstmal ist das für mich ganz große klasse, da ich glaube, zu verstehen, was gemeint ist. Ich frage aber gleich noch weiter zu Jakobson...., danke.

Ganz liebe Grüße!

Jonas

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Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination
« Antwort #4 am: Dezember 15, 2013, 19:04:52 »
Es freut mich, dass ich Dir helfen konnte, Chrissi. Hast Du denn noch weitere Fragen zu Jakobson? Dann krame ich sogar noch die Poetik raus und gebe Dir einige Beispiele mitsamt Quellen, so dass Du das Ganze im Buch nachvollziehen kannst.

Cheers.

Sarah

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Jakobson - Prinzip der Äquivalenz und Kombination
« Antwort #5 am: April 25, 2014, 11:01:51 »
Ich hätte noch eine Frage und zwar welche Formen von Äquivalenzen sind denn nun bei der Poetik relevant?

Spontan wäre ich jz mal auf: phonetische Äquivalenz (wie in: Mars macht mobil)
                                       syntaktische Äquivalenz (wie in: Er kauft ein Eis. Sie isst einen Apfel.)

gekommen.

Aber da gibts doch sicher noch mehr oder? vl noch die semantische Äquivalenz, wobei mir dafür jz das Beispiel fehlt.

lg