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Autor Thema: Ausführungen über das Versmaß und den Jambus  (Gelesen 4513 mal)

Nachteule

  • Gast
Ausführungen über das Versmaß und den Jambus
« am: März 07, 2014, 19:24:05 »
Hallo,

Das hier ist eigentlich keine Frage, aber einen Ort für Feedback habe ich nicht gefunden.

Zitat
Die Schwierigkeit beim Bestimmen des Versmaßes ist also weniger das Auftrennen der einzelnen Wortsilben, als das Unterscheiden in unbetonte und betonte Silben. Das Problem liegt oftmals darin begründet, dass es hierfür keine richtige Erklärung gibt, sondern wir unserem Gefühl für Sprache Vertrauen müssen.
Diese Aussage ist falsch. Es gibt klare Regeln, nach denen eine Silbe in einem mehrsilbigen Wort betont oder unbetont ist. Mir scheint, dass, obwohl viel von der Literaturwissenschaft steht, niemand die Texte geschrieben hat, der Teil der Literaturwissenschaft ist.

Außerdem sind bei der Einordnung des Versmaßes des Jambusbeispiels nicht alle Silben richtig zugeordnet:
Zitat
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Eintönig ist Auftaktbetont, während seitab Endungsbetont ist. Ob man dann das und bzw. das liegt ebenfalls betont leist, hängt dann von der eigenen  Lesart ab.

So viel erst einmal dazu...

Gruß

Jonas

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Ausführungen über das Versmaß und den Jambus
« Antwort #1 am: März 08, 2014, 14:30:18 »
Ahoj Nachteule! Schön, dass Du den Weg ins Forum gefunden hast, wobei Feedback auch gern per Mail geschickt werden kann. Aber im Forum ist es im Eigentlichen noch besser aufgehoben, da so auch potentielle Besucher, die vielleicht ein ähnliches Problem oder eine verwandte Feststellung haben, gleiche eine Anlaufstelle finden.

Sehr gern möchte ich auf Deine Kritik eingehen und hoffe, dass Dein Ausflug nicht einmalig war, sondern auch noch mit einer Antwort zu rechnen ist.

1) Ich möchte Dir beipflichten, dass es grundsätzlich Regeln zur Silbenbetonung gibt. Weiterhin finden sich in der alternierenden Metrik, die wir in deutschen Versen "verwenden", eindeutige Anhaltspunkte für die Hebungen der einzelnen Wörter, die bei einer Orientierung hilfreich sein können.

Jedoch ist die Aussage falsch, dass es ganz klare Regeln gibt, die ich - so suggeriert es mir das Wort - einfach abarbeiten könnte, um das Metrum zu bestimmen. Zwar gibt es im Deutschen bestimmte Grundsätze, doch eben kein eindeutiges Regelwerk, vor allem dann nicht, wenn wir es mit Lehnwörtern, Archaismen oder eben unserer eigenen Lesart zu tun haben.

Mitunter kommt uns auch einfach der durchgängige Rhythmus eines Werkes in die Quere, der uns dazu zwingt, ein Gedicht so oder eben so zu lesen. Dein Gedanke geht nicht immer auf, was Du sehr schön in Deiner zweiten Anmerkung veranschaulichst:

Zitat
Ob man dann das und bzw. das liegt ebenfalls betont leist, hängt dann von der eigenen  Lesart ab.

In diesem Zusammenhang muss berücksichtigt werden, dass die wesentlichen Besucher auf Wortwuchs Schüler sind, die mit Prüfungssituationen konfrontiert werden und versuchen, innerhalb kürzester Zeit das Metrum eines Werkes zu bestimmen - da gibt es keine allgemeinen Regeln, die den Beitrag "richtiger" machen könnten - jedenfalls kenne ich keine.

Allerdings habe ich die Formulierung unverfänglicher gemacht, sodass ersichtlich wird, dass es grundsätzlich darum geht, dass es keine "zwei, drei Merksätze" gibt, um zielsicher allerlei Silben zu betonen.

2) Schön, dass es Dir so scheint. Der Scheint trügt allerdings. Und die Texte sind - auch wenn es mitunter den ein oder anderen Makel gibt, für die Leser, die sie konsumieren, geschrieben und nicht primär für Literaturwissenschaftler der höheren Semester. Sollten Dir jedoch inhaltliche Mängel über den Weg laufen, wäre ich erfreut, diese zu lesen, um sie auszubessern oder diskutieren zu können. Das Problem der Hebigkeit schaue ich mir am Wochenende an und starte nun fröhlich in den Sonnabend.

Ein schönes Wochenende Dir
Cheers.
Gärtner der Sprache, Hausmeister im Forum und verantwortlich für Wortwuchs.

Nachteule

  • Gast
Ausführungen über das Versmaß und den Jambus
« Antwort #2 am: März 09, 2014, 02:46:57 »
Hallo Jonas,

Danke für die promte Antwort!

Da ich selbst kein Literaturwissenschaftler, sondern allenfalls Hobbydichter bin, ist mein Wissen und Verständnis auch nur begrenzt und ich habe mir alles, was ich über Lyrik gelernt habe, selbst, bzw. unter Mithilfe befreundeter Hobbydichter (zugegeben zum Teil Germanisten), beigebracht.

Zu 1):
Ich habe zu der Metrik der einzelnen Wörter einmal ein "Regelwerk" zusammengestellt, das eigentlich alle wichtigen Regeln in 6 Punkten erläutert (inklusive der meisten Lehnwörter). Wobei die Hauptregel "beachte die Stammsilbe" ja bei mindestens 70% der deutschen Wörter stimmen sollte. Für die Vorsilben muss man ja auch nicht den Unterschied zwischen Präfixen und Partikeln erläutern muss, sondern es genügt da dann auch der kurze Merksatz, dass alle Vorsilben, die man vom Wort trennen kann (ablegen->legt ab) betont werden und alle, die nicht getrennt werden können (belegen), nicht. Das ist schon im Grundsatz schnell erklärt und geht auch nicht wissenschaftlich, finde ich.
Das Metrum hingegen ist ja schon wieder eine andere Baustelle, geht aber auch recht schnell. Inklusive Gewohnheitsmetrum (oder von dir Lesart), das sicherlich fürs Schreiben wichtiger ist, als für lesen, und schwebenden Betonungen, die in der Wissenschaft ja umstritten sind, in acht Punkten, wobei sich das Meiste m.E. auch aus der Situation ergibt, bzw. nach einmaligem Lesen bereits verstanden wird.

Kann man also schon abarbeiten. Bei der Metrik zwar wahrscheinlich etwas schwieriger, aber doch sicherlich möglich. (Frage: Deutsche Wort oder Lehnwort -> Lehnwort wir die Endsilbe betont? Wenn nein -> hat es ein "ieren"? Wenn nein überdeutlich aussprechen. Deutsches Wort-> wird die Vorsilbe oder die Nachsilbe betont? Wenn nein -> Standardwort mit der Stammsilbe.) Beim Metrum würde ich sowieso empfehlen, erst die einzelnen Hauptbetonungen zu füllen und danach die Einsilber aufzufüllen. Die Auffüllung wird, wenn ich mich an meinen (vor)gestrigen Besuch recht erinnere, nicht wirklich erläutert. Ich kann mich aber auch irren. So entsteht dann die Frage, weshalb da plötzlich die dritte Silbe eines mehrsilbigen Wortes betont wird. :o

Zitat
In diesem Zusammenhang muss berücksichtigt werden, dass die wesentlichen Besucher auf Wortwuchs Schüler sind, die mit Prüfungssituationen konfrontiert werden und versuchen, innerhalb kürzester Zeit das Metrum eines Werkes zu bestimmen - da gibt es keine allgemeinen Regeln, die den Beitrag "richtiger" machen könnten - jedenfalls kenne ich keine.
Zitat
Der Scheint trügt allerdings. Und die Texte sind - auch wenn es mitunter den ein oder anderen Makel gibt, für die Leser, die sie konsumieren, geschrieben und nicht primär für Literaturwissenschaftler der höheren Semester.
Wenn ich den Anspruch hätte, dass deine Erläuterungen an Literaturwissenschaftler gerichtet wären, hätte ich schon noch angemerkt, dass Metrum und Rhythmus nur bedingt gleich sind und dass bei den Versfüßen der Amphibrachys fehlt und das Daktylusbeispiel aus meiner Sicht eher jambisch zu lesen sei, da das "keine" nicht nur durch seine prosodische Betonung auf der ersten Silbe, sondern auch aufgrund seiner Wichtigkeit besser Auftaktbetont statt unbetont gelesen werden sollte und m.E. auch wichtig ist, dass "ihr" keine Knechte sein wollt/sollt. (Wollt ihr die Frei heit, so seid kei ne Knech te). ;) Also keine Angst, deine Zielgruppe habe ich schon richtig erkannt. 8)

Dir dann noch einen schönen Sonntag. Mehr bleibt ja vom Wochenende nicht mehr übrig. ;)

Mit freundlichen Grüßen
Nachteule