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Autor Thema: Gedichtsinterpretation  (Gelesen 5800 mal)

Ma_Rie

  • Gast
Gedichtsinterpretation
« am: März 30, 2016, 16:01:04 »
Hallöchen erstmal.  :)
Ich hoffe ihr könnt mir hier weiterhelfen.Ich habe ein ziemliches Problem zum Thema "Gedichte interpretieren".Ich versteh es einfach nicht...wir haben nun schon sehr viele Pläne zum Aufbau einer Interpretation bekommen...äußer Form,inhaltliche Form,usw..An sich versteh ich es ja irgendwie,aber wenn ich mir so ein Gedicht durchlese und dazu meine Gefühle äußern muss passiert einfach nichts, ich fühle absolut nichts..dann die Sache mit dem lyrischen Ich und so..Kann mir irgendjemand Tipps dazu geben? Wir schreiben am Freitag einen Test,und dieses Thema wird bei uns auch in der schriftlichen Deutschprüfung dran kommen...ich bin so ziemlich am A****. :'( :-[ :-[ :-[ :-[ >:(

24

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Gedichtsinterpretation
« Antwort #1 am: März 31, 2016, 17:08:00 »
Hallo,

da ich in kurzer Zeit meine Deutsch-Abiturklausur schreiben muss, fasse ich gerne meine Ergebnisse zusammen.
Also zum Ersten muss dir bewusst sein, um welche Epoche es sich handelt. Bei der allseits beliebten Romantik haben wir den Zeitraum von 1798 bis 1835. Der Expressionismus beginnt 1910 und endet 1925. Die Gegenwart beginnt nach der NS-Zeit bis heute. Wichtig zu verstehen ist auch, dass die Jahre nicht feststehen, sondern die Übergänge immer fließend sind. So kann auch ein Gedicht aus dem Jahre 1929 noch dem Spätexpressionismus zugeordnet werden.

Jede Epoche hat seine Merkmale. Ich fange mal mit der Romantik an:
Die Romantik weist viele "Volkslieder" auf, da je einfacher und älter ein Werk ist, desto ursprünglicher und echter ist es auch. Die Poesie, so hieß es, war dem Göttlichen im sprachlichen Ursprung am nächsten. Man war also damals sehr religiös und die Sprache war einfach, rhythmisch, klangvoll-ästhetisch und traditionell. Eine wichtige Gattung ist z. B. das Märchen, aber auch Legenden und Sagen.
In der Romantik verspüren die Dichter, die sich oftmals auch als "Schwäne" bezeichnen eine große Sehnsucht nach der "goldenen Vergangenheit". Ihre Zeit, in der sie leben (Gegenwart) ist nur ein "Zwischenbereich", nach dem eine sehnsüchtig erhoffte "goldene Zukunft" folgt. Der historische Bezugspunkt ist hierbei das Mittelalter, in dem der Ursprung der Welt noch erhalten war. Romantiker neigen nämlich dazu, nach dem Ursprung der Welt zu suchen. So gibt es viele Sehnsuchtsmotive: Reise, Wanderung, Ferne, Blaue Blume, Liebe,...
Die Natur ist von der modernen Welt unberührt, weshalb oft der Wald oder die See (das Meer) thematisiert werden. Der Wald steht für das Wandern, für die geheimnisvolle und gefühlsvolle Dunkelheit, während die See die Unendlichkeit symbolisiert. Zusätzlich wird der Tag bzw. das Licht als Vernunft betrachtet, was für den Romantiker negativ assoziiert wird. Er neigt nämlich zur Verschmelzung von Traum und Realität, vom Unbewussten mit dem Bewussten. Man kann es schon als eine Art "Flucht" vor der Gegenwart bezeichnen.
Zusätzlich gibt es die progressive Universalpoesie, die es versucht, Poesie und Prosa, Kunst und Literatur und Naturwissenschaften... im Grunde genommen alles, was möglich ist, miteinander zu verschmelzen. Dadurch entsteht eine enorme Freiheit für den Künstler, welche z. B. durch Heinrich Heine deutlich wird, indem er in der Spätromantik zu einem ironischem Dichter konvertiert.
Das lyrische Ich ist in der Romantik sehr bedeutend und konkret. Hierbei ist auf die Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der räumlichen Welt zu deuten, da oftmals eine erhoffte "Verschmelzung" zu verzeichnen ist.

Ich wechsel mal zum Expressionismus, der konträr zur Romantik steht. Dieser ist nämlich von Religionslosigkeit geprägt. Die Nacht ist nicht mehr das "Zauberhafte" und "Ursprüngliche" der Welt, sowas gibt es nicht mehr. Die Nacht ist zum Reisen gedacht und der Tag für Geschäfte. Es herrscht Hast, Aufregung, Unruhe und es gibt keine Zeit für eine Erholung für die Gesellschaft. Trotzdem herrscht eine Tendenz zur Sinnlichkeit und Genusssucht... man möchte eben das Leben in vollen Zügen genießen, was paradox zur Ausgangssituation ist. Im Expressionismus herrscht eine Verachtung aller ethischen Grundsätze und die Motive sind sehr negativ besetzt: Tod, Untergang, Krieg, Umweltkatastrophen, Großstadt, Apokalypse...
Der Krieg dient im Frühexpressionismus - als der 1. WK noch nicht ausgebrochen war - als eine Art Aufbruch zu einer neuen, besseren Welt. Ziemlich verzweifelt, wie ich finde. Aber keine Sorge, nachdem der 1. WK ausbrach wurden alle Illusionen zerstört, denn der Krieg war nichts Heldenhaftes mehr (wie im Mittelalter), sondern hart, anonym und sinnfrei. Der Soldat diente als Ressource und es gab eine totale Entfremdung. Man hatte Angst vor dem Unbelebten, da überall und jederzeit der Tod lauerte.
Die Großstadt dagegen war auch ein großes Thema, da durch diese die Menschen abhängig von der Wissenschaft, Technik, Statistik, Handel und Industrie geworden sind. Außerdem wurde die Natur immer mehr vernachlässigt und ebenfalls zerstört.
In der Sprache war es typisch, Neukonstruktionen der Verhältnisse (z. B. in der Grammatik) zu schaffen. Traditionen wurden montiert und dekonstruiert, der Zeilenstil wurde verändert (viele Enjambements), es gab Typisierungen und Verkürzungen, aber auch viele extreme Bildkontraste.

So viel zum Expressionismus, nun zur Gegenwart. Viel zur Gegenwart gibt es ja nicht zu sagen. Die Lyrik ist weitestgehend frei und derzeit ist Poetry Slam sehr angesagt. Aber nach der NS-Zeit gab es in den 50er-Jahren erstmal eine Fortsetzung der Weimarer Republik. Der Faschismus wurde komplett ausgeblendet, was traurig, aber damals harte Realität war. Schon damals hieß es nämlich "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch". Die Literatur des NS ist deswegen ein völlig einzeln zu betrachtendes Kapitel. Deswegen also Weimarer Republik. Die Naturlyrik wurde wieder gebräuchlich und es gab eine Tendenz zur "konkreten Poesie". In dieser experimentellen Phase war man gegen die Inhaltlichkeit und gegen die traditionellen Versformen in der Lyrik. Man wurde "materialbezogen" und der Fokus lag auf das einzelne Wort, auf einzelne Silben und einzelne Buchstaben.
In den 60er-Jahren wurde es zunehmend politisch. Nämlich wurde das Todschweigen des Vietnamkriegs zum Thema. Dabei geriet das Kunstvolle der lyrischen Werke immer weiter in den Hintergrund, sodass die Kunst nur noch nebensächlich war. 1968 hieß es auch: "Tod der Literatur".
Die Gedichte beschrieben kein konkretes lyrisches Ich, sondern das Kollektiv (die Gesellschaft im Ganzen). Manchmal entstanden Gedichte der Alltagslyrik, in denen wieder das lyrische Ich zum Wort kam und Gefühle/Empfindungen zum Ausdruck brachte, aber auch hier waren die Werke politisch.
Ferner war auch die Großstadtlyrik ein Thema, welche filmisch untermalt war (wie in der Neuen Sachlichkeit). Konträr hierzu griff man auch auf die vernachlässigte Natur zurück.
Die Sprache war, wie oben schon erwähnt, eigentlich sehr frei. Es gab und gibt bis heute Gebrauch aller Stile und aller Genres.

Jetzt komme ich zum lyrischen Ich. Dieses kann erlebend, fühlend, kommentierend und distanziert sein. Das lyrische Ich ist meistens nicht mit dem Autor gleichzusetzen, ansonsten müsste man autobiografisch argumentieren. Wichtig ist, wie das lyrische Ich auftritt. Wie nimmt es die Welt wahr? Wie ist das Verhältnis des lyrischen Ich zur Situation/Problematik und zur Welt? Wenn das lyrische Ich zum Wort kommt, wie redet es? Sind es Sätze, Redepartikel, rhetorische Figuren? Oder kommt das lyrische Ich überhaupt vor? Gibt es ein lyrisches Du oder lyrisches Wir? Wie ist das Verhältnis zwischen den Charakteren?
Letztendlich ist auch noch zu unterscheiden, wie das lyrische Ich die Welt sieht und wie sie objektiv-neutral wahrgenommen werden kann. Ist das lyrische Ich - wie in der Romantik - zwischen Traum und Realität gefangen? Kann man zwischen Gedichtwelt und Realität unterscheiden? Gibt es Auffälliges bei der Wortwahl oder bei der Bedeutung der Wörter für das lyrische Ich (Denotat <-> Konnotat)?

Nun ja, und neben diesen zwei Schwerpunkten ist bei der Gedichtinterpretation natürlich auch wichtig, um welches Thema es eigentlich geht und wie dieses Thema sprachlich behandelt wird. Zusätzlich ist die äußere Form entscheidend. Eben beim Expressionismus kann es sein, dass traditionelle Formen angewendet werden (z. B. ein Sonett) und diese zum Schluss durch unregelmäßige Reimschemata oder Metrik verworfen werden. Die äußere Form des Gedichts kann den Inhalt und die Beziehung zum lyrischen Ich stützen, aber auch im Widerspruch zu all dem stehen. Gedichte können unglaublich komplex sein und es gibt kein "richtig" oder "falsch", solange du alles plausibel und stringent anhand der Verse belegen kannst. Zum Schluss gibt es eigentlich nach jeder Interpretation einen "unaufklärbaren Rest", aber davon soll man sich nicht verunsichern lassen, sondern seine Leitfragen beantworten und die Deutungshypothese möglichst in allen Aspekten stützen und ausweiten.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen.
Mit besten Grüßen
24

Abiturient mit Langeweile

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Gedichtsinterpretation
« Antwort #2 am: Mai 02, 2016, 16:42:21 »
Hallo,
ich schreibe auch demnächst Abitur und treibe mich deswegen auch in diesem und ähnlichen Foren herum.
Hab gerade die Antwort von 24 überflogen und mir gedacht: Du hast zwar ihn sehr vielen Punkten recht, aber dir ist schon bewusst, dass dir ein paar Epochen fehlen oder?

24

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Gedichtsinterpretation
« Antwort #3 am: Mai 02, 2016, 18:06:03 »
Hallo,

ich habe nur die relevanten Epochen für die NRW-Abiturklausuren 2016 aufgezählt. Es kam der typische Vergleich zwischen Romantik und (Früh-)Expressionismus dran.